Endlich begraben
Intermezzo 5
 
Vor fünfunddreißig Jahren ist mein erstes Baby, ein Junge, bei der Geburt gestorben. Sie haben noch versucht, ihn zu reanimieren. Aber ohne Erfolg. Der Gynäkologe tröstete mich mit den Worten: „Wenn Ihr Kind überlebt hätte, wäre es behindert gewesen.“ Diesen merkwürdigen Trost habe ich nie vergessen können.
Ich habe mein totgeborenes Baby nie gesehen. Ich habe es nicht in meinen Armen halten und mich auch nicht von ihm verabschieden können. Gar nichts. Nur mein Mann hat es gesehen. „Es war ein schönes, makelloses Kind“, erzählte er.
 
Nach der Obduktion dann ein kleiner Sarg, ein Priester und ein Messdiener. Mein Kind wurde beerdigt. Weil mein kleiner Junge aber bei seiner Geburt schon tot war, durfte er nicht getauft und kirchlich begraben werden. Mein Mann ging nicht mit zur Beerdigung. Ich lag im Wöchnerinnenbett wie betäubt, niedergeschlagen und hilflos.
 
Der Hausarzt sagte zu uns, dass wir alles schnell vergessen sollten. Ich wäre noch jung genug, um viele Kinder zu bekommen. Als ich nach Hause kam, hatte meine Familie alle Babysachen weggeräumt, alles, was mich an unser Baby hätte erinnern können. Sogar das Handarbeitspaket für die Babydecke war weg.
Wir sind dann umgezogen. Fort aus der kinderreichen Wohngegend in eine Stadt am anderen Ende des Landes.
Unser neues Leben begann. Niemand kannte uns hier. Unsere Familien vermieden es, mit uns über den Tod unseres Sohnes zu sprechen. Manchmal baten sie mich, auf eines ihrer Babys aufzupassen. Sie meinten wohl, so käme ich schneller drüber hinweg. Ich aber dachte, ich würde verrückt werden.
Wir bekamen zwei gesunde Kinder. Ich studierte und arbeitete. Das Leben nahm seinen Lauf. Mein Mann und ich trennten uns. Die erwachsenen Kinder verließen das Haus.
 
Jahre später führte mich eine Geschäftsreise in meine alte Stadt. Zögernd ging ich zum Friedhof. Ich kannte ihn nicht, hatte ihn auch vorher nie besucht. Das konnte ich damals gar nicht.
Jetzt aber entschied ich mich für einen Besuch. Es war ein wunderschöner alter Friedhof mit breiten Wegen und würdigen Grabstätten aus Marmor und blauem Stein. Die Grabsteine trugen Inschriften und Reliefs. Große Bäume filterten die grellen Sonnenstrahlen. Es herrschten wohltuende Ruhe und Frieden an diesem wunderschönen Herbstnachmittag. Suchend lief ich über den Friedhof, bis ich zu den Kindergräbern kam. Ich lief die Gräber entlang und war überrascht von der Ausstattung mit zarten Farben, dem Spielzeug und den liebevollen Versen hier und da. Ich las sie aufmerksam. Eine Inschrift war aus dem Jahr, indem mein Sohn gestorben war. Auf einem anderem Stein stand der Name, den wir ihm hatten geben wollen. Ich erschrak, aber das Datum stimmte nicht überein. Ich setzte mich auf eine Bank und dachte an meinen Sohn, der inzwischen sicher ein erwachsener, schöner Mann geworden wäre. Wahrscheinlich lag er nicht in geweihter Erde begraben. Ich hing meinen Gedanken nach, weinte und fühlte mich doch sehr stark und erhaben. Ich spürte meinen alten Schmerz und dachte an den Kummer aller Eltern, die ihre Kinder hier begraben hatten.
 
Draußen vor dem Friedhof hatte ich einen Blumenstand gesehen. Ich kaufte dort zwei Blumensträuße mit weißen Blumen und lief zurück. Am Tor formierte sich in Stille ein Trauerzug. Vorn stand ein Friedhofsdiener mit einem Kreuz in seinen Händen, dahinter ein Priester mit zwei Messdienern. Der eine trug das Weihrauchfass und der andere das Gefäß mit dem Weihwasser. Sechs Träger hoben einen schlichten Sarg aus Kiefernholz auf ihre Schultern. Der Mann in Schwarz, der als Letzter dem Zug angehörte, gab ein Zeichen und der Trauerzug setzte sich in Bewegung. Ohne nachzudenken, schloss ich mich der Prozession an. Der Mann legte ein Bukett auf den Sarg. Es war ganz still. Nur entfernte Stadtgeräusche, das Singen der Vögel und der Kies unter unseren Füßen durchbrachen die Stille. Feierlichen und angemessenen Schrittes liefen wir – mir erschien es unendlich lang – bis ans Ende des Friedhofs.
In einer stillen Ecke, dicht bei einer Hecke und am Fuß einer Birke, hielten wir bei einem frisch ausgehobenen Grab an. Eine Grube mit einem Sandhaufen daneben. Die Träger setzten den Sarg ab. Der Priester sprach die letzten Gebete, schwenkte das Weihrauchfass und sprenkelte das geweihte Wasser über das offene Grab. Schließlich ließen die Sargträger den Sarg an Seilen hinab. Ich warf meine weißen Blumen auf den Sarg.
„Ruhe sanft, Liebling“, sagte ich, „du bist nun auf deinem Platz.“ Bückend nahm ich eine Handvoll Erde und warf diese auch auf den Sarg. Still liefen wir zurück zur Hecke. Der Mann in Schwarz schüttelte mir die Hand und sagte: „Ich wünsche Ihnen viel Kraft.“
Und alle verschwanden genauso geräuschlos, wie sie gekommen waren.
 
In dem gegenüberliegenden kleinen Café trank ich eine Tasse Kaffee. Von dort aus rief ich meine Kinder an und sagte ihnen: „Reserviert bitte heute Abend einen Tisch in unserem Restaurant. Wir gehen zusammen essen. Ich möchte etwas mit euch feiern.“
 

Leseprobe 1