Der Preis, den man für Liebe zahlt
 
Es wird oft gesagt, dass Trauer der Preis ist, den wir für Bindungen zahlen. Das bedeutet, Trauer ist bei einem Verlust der Preis, den wir für Liebe zahlen. Die Beziehung, die wir mit dem Verstorbenen hatten, bestimmt die Schwere und Tiefe des Trauerprozesses.
 
Verlust kann das Leben tiefgehend beeinflussen. In welchem Maße das geschieht, ist keineswegs immer von Außenstehenden einzuschätzen oder nachzufühlen. Viele Menschen probieren das dennoch und tun damit dem Trauernden Unrecht. Das ist so, als legten sie der Trauer eine Messlatte an, um zu bestimmen, was für wen schlimmer ist. Als ob sie dadurch den Schmerz anderer für sich selbst erträglicher machen wollten. Es scheint so,
dass Menschen auf diese Weise mit dem Kummer Trauernder einfacher umgehen können. Gut gemeinter Rat und Beistand werden als Trost angeboten – ein fader Trost für Trauernde, der ihnen doch nicht weiterhilft.
 
„Ach, deine Tante war doch schon vierundneunzig. Das war doch kein Leben mehr für sie in dem Pflegeheim“, war die Bemerkung gegenüber einer Frau, die von ihrer Tante großgezogen worden war, weil ihre Mutter wegen Krankheit und Invalidität dazu nicht in der Lage war.
 
Der Kummer, den die Frau fühlte, wurde auf diese Weise minimalisiert. Diese Bemerkung schnürte ihr die Kehle zu, und sie traute sich nicht mehr, ihren Kummer offen zu zeigen.
 
„Sei froh, dass du dich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden hast. Das Leben mit einem behinderten Kind ist sehr schwer.“
 
„Es hätte schlimmer kommen können“, ist auch so eine verletzende Bemerkung für den Trauernden.
 
„Mein Mann starb ganz plötzlich bei der Arbeit im Gemüsegarten. All die Jahre hindurch haben wir alles zusammen gemacht. Wir dachten nicht einmal mehr für den anderen, nein, wir hatten einfach die gleichen Gedanken, ohne dass wir es abgesprochen hätten. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich daran jemals etwas ändern würde. Und nun sitze ich hier allein herum. Gestern kam noch jemand aus der Kirchengemeinde vorbei. Die besuchen Menschen, die in Trauer sind. Ich hatte dazu gar keine Lust, aber, na ja, im Moment habe ich auf überhaupt nichts mehr Lust, und da habe ich sie hereingelassen und Kaffee gekocht. Nachdem sie allerlei erzählt hatte, wovon ich eigentlich nichts mitbekam, sagte sie am Ende des Gesprächs: ,Ach, seien Sie doch froh, dass Ihr Mann nicht gestorben ist, als Ihre Kinder noch klein waren. Das wäre doch viel schlimmer gewesen.‘“
 
Als ihr Baby tot geboren wurde, bekamen die verzweifelten Eltern zu hören:
 
„Ihr seid noch so jung und könnt noch viele Kinder bekommen.“
 
 
Das Leben wird nie wieder so sein, wie es vorher war.
 
Ein Mann erzählte, dass sein Nachbar, der auch Witwer war und mit dem er schon seit Jahren dreimal in der Woche zum Skatspielen ging, ganz unerwartet an einem Herzinfarkt gestorben war. Der Mann hatte seinen Nachbarn tot aufgefunden, Hilfe geholt und die Kinder des Nachbarn angerufen. Auf der Trauerfeier hatte er noch ein paar Worte gesprochen. Seitdem waren einige Wochen vergangen und der Mann fühlte sich lustlos, nichts machte ihm mehr Freude. Ein ehrenamtlicher Mitarbeiter kam ihn abholen und sagte zu ihm:
 
„Na, Kopf hoch, alter Junge. Wir warten alle auf dich. Wir finden es auch traurig, dass du deinen Skatkumpel verloren hast. Aber vielleicht kannst du es so sehen: Auch Hamburg verliert mal ein Spiel.“