MEIN BERLIN
Im Januar 2010 war Berlin einen Monat lang „mein Berlin“.
Wie kam es dazu? Eine kurze Vorgeschichte.
Zur Vorbereitung auf meine Vorträge und Trainings anlässlich der Übersetzung meines Buches “Liebling, du fehlst mir so“ besuchte ich einen Deutschkurs beim Goethe-Institut Rotterdam (Niederlande). Nachdem ich im Mai 2009 meine Prüfung C-1 gut bestanden hatte, wurde mir ein Stipendium angeboten. Die Überraschung hätte nicht größer sein können. Ich, Seniorin, erhielt ein Stipendium für einen einmonatigen intensiven Sprachkurs in einer deutschen Stadt nach Wahl. Die Wahl war schnell gemacht: Berlin. Es musste Berlin sein. Noch vor der Wende war ich schon als Studentin dort und hatte damals schon mein Herz an die Stadt verloren und immer „einen kleinen Koffer in Berlin“ hinterlassen. In den letzten Jahren waren mein Mann und ich mehrmals in Berlin, im Urlaub, geschäftlich, und zum Symposiumbesuch. Ich machte meinen Terminkalender für diesen Januar frei.
Die Einschreibung und alles Drum und Dran waren schnell gemacht. Die Vorfreude war sehr groß, die gespannte Erwartung und Neugierde sogar noch größer. Ich hatte längerfristig das Gefühl, in dem Goethe-Institut-Lotto mit meinem Tipp den Jackpot gewonnen zu haben.
Mein Mann, meine Töchter, die Familie, Freundinnen und Freunde hatten entweder Bewunderung, konnten es nicht glauben, oder hatten guten Rat, Berge von gutem Rat, es ging von ‚Allein in so einer Großstadt ist es sehr einsam‘, ‚Lässt du deinen Liebsten zu Hause ?‘ bis ‚Sei vorsichtig, im Winter ist es sehr kalt in Berlin‘. Meine Enkelkinder hatten unverhohlenen Respekt vor einem anderen Aspekt der Sache: Omi würde sogar Taschengeld bekommen!
Die Vorbereitung und Organisation des Goethe-Instituts waren ausgezeichnet, auch Zimmervermittlung wäre möglich gewesen, aber ich suchte mir selbst eine Unterkunft und konnte über Freunde eine bequeme Wohnung in Prenzlauer-Berg mieten. Was für ein Glück!
Wie ein kleines Kind zählte ich die Tage bis zu meiner Abfahrt. Mein Mann würde mich mit dem Auto hinbringen, also konnte ich so viel mitnehmen, wie ich wollte – und ich wollte vieles: von Kleidung und Schuhen - alle Sorten und geeignet für alle Gelegenheiten (vielleicht würde ich ja bei Angela Merkel zum Kaffee eingeladen?) – bis zu Taschen angefüllt mit Wörter- und Lehrbüchern. Natürlich hatte ich auch noch meinen leckersten Tee eingepackt, immer gut als Trost in einsamen Momenten, so wie meine Wärmflasche, immer gut in einsamen kalten Nächten.
Am 2. Januar 2010 um15.30 Uhr landete ich in der Kollwitzstraße in Prenzlauer-Berg.
Es sah aus wie ein Wintersportort: Es hatte frisch geschneit, die Straßen waren schwer zu befahren, die großen kahlen Bäume trugen weiße Zweige, die Sonne schien, am Kollwitzplatz war Wochenmarkt und es herrschte viel Betrieb, überall froh gelaunte Menschen mit lachenden Kindern auf Schlitten.
Die Wohnung war noch bequemer, gastlicher, von Licht erfüllter, ruhiger, wärmer und höher als ich mir gedacht hatte. Ach so ein fröhliches, herzliches Willkommen! Und auf diese Art und Weise nahm mein Aufenthalt in meinem Berlin - einen ganzen Monat lang - seinen Anfang.
Natürlich hatte ich meine impliziten Erwartungen und privaten Aufträgen:
Ich musste mein Stipendium völlig benützen und besser Deutsch lernen, Berlin aktiv erleben, den Kiez spazierend und fahrradfahrend entdecken, nicht nur die Kursteilnehmer und -teilnehmerinnen, sondern auch die Menschen in meiner Umgebung kennenlernen, Kontakte knüpfen, geschäftlich recherchieren, das Theater, Cabaret, Kino, die Oper und wenigstens alle Museen besuchen, kurzgefasst: mein Berlin als Studentin und Stipendiatin genießen.
Es ist anders gelaufen. Schuld daran hatten die verdammten Tiefmädel. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Die Benennung ‚Tiefmädel‘ bezieht sich nicht auf die netten Mädel und Jungs in meinen Kursgruppen im Goethe-Institut. O nein! Trotz der bunten Studenten und Studentinnen von nah und fern, trotz des Altersunterschieds von etwa 40 Jahren, trotz der verschiedenen Kulturen war unsere Kursgruppe von Anfang an - leidenschaftlich begleitet von unserer Lehrerin - wie eine warme, intelligente, treue Familie.
Nein, ich meine die Wettergöttinen des Tiefs mit Namen wie Barbara, Daisy, Floora, Heike, Jennifer, Keziban und wie all die Gebiete mit tiefem Luftdruck aus Antarktika auch mit lieblichen Mädchennamen getauft werden. Von meiner Ankunft am 2.Januar bis zu meiner Abfahrt am 3. Februar haben genau gezählt 13 Tiefs das Leben in Berlin und auch mein Leben mit allem, was ich mir vorgenommen hatte, zerstört und gelähmt.
Der Winter ließ nicht locker, keinen Tag. Schneeflocken wirbelten vom Himmel, Schneeregen nieselte, die Sonne kam 16 Tage hintereinander nicht durch die kompakte Wolkendecke, die Temperaturen erreichten Tiefstwerte um -21 Grad, der Wind kannte alle Stärken, von schwach bis stürmerisch. Es war trüb, windig, dauerfrostig, kaum sonnig und bitterkalt. Sämtliche Gehwege in Berlin waren mit festgetretenen Schnee-und Eisplatten bedeckt. Es war lebensgefährlich glatt und halsbrecherisch zu gehen. Das Straßennetz wurde nicht mehr mit Salz oder Schaufel schneefrei gemacht, die Fußgänger vermissten geräumte Gehwege. Fahrradfahrer hatten überhaupt keine Radwege mehr und radelten, so weit man das Fahrradfahren so nennen konnte, deswegen auf den Gehwegen.
Es scheint vielleicht so, als ob ich mich durch das Wetter habe behindern lassen, aber nicht doch. Ich habe jeden Tag genossen und war einfach glücklich in der Kollwitzstraße, in meinem Berlin. Mit Daunenmantel, Bergschuhen, Thermohosen, Mütze und Handschuhen war mir kein Wettertiefmädel zu stark. Die öffentliche Monatskarte habe ich voll ausgenützt. Aber zum Fahrradfahren bin ich nicht gekommen, so wie auch nicht zum Wandern im Kiez, oder zum Theaterbesuch. Das macht nichts, das kommt später.
Ich habe auch die Zeit, die ich für meine Sprachstudie am Goethe-Institut benötigte, unterschätzt. Es war intensiver und schwieriger als gedacht. Mein Tagesprogramm war so: Morgens Hausaufgaben machen, um 12 Uhr aus dem Haus, abhängig vom Wetter zu Fuß oder mit U-Bahn und Straßenbahn zum Institut. Von 13.00 bis 18.00 war ich total beschäftigt mit dem Programm und allem, was dazugehörte. Anschließend nach Hause, einkaufen, kochen, E-Mail beantworten und über Skype telefonieren mit meinen Lieben und früh ins Bett.
Morgens erst Frühstück mit Zeitung, in einer der vielen Essgelegenheiten in der Umgebung und wieder alles vom Anfang an. Das feste Programm gab mir Halt, die Tage liefen davon und ich hatte keine Chance mich zu langweilen.
Trotz des fürchterlichen Wetters und der von dem Deutschunterricht voll absorbierten Zeit habe ich ein eindrucksvolles Erlebnis erfahren. Ich hatte das Gefühl „ein Weltfrieden sei absolut möglich“.
Warum?
Am Ende der zweiten Woche haben wir über die ereignisreiche Vergangenheit Berlins gesprochen. Der Liedtext von Marlene Dietrich wurde verteilt und gemeinsam sangen wir:
Ich hab’ noch einen Koffer in Berlin,
deswegen muss ich nächstens wieder hin …
Und in der Studiengruppe, von der ich als weißhaarige holländische Seniorin ein Teil war, da passierte es. Ich schaute um mich, auf die Männer aus Afghanistan, Bosnien, Indien, Costa Rica, der Elfenbeinküste und auf die Frauen aus Bulgarien, Italien, Frankreich, Vietnam, der Schweiz, Spanien, Russland, England - Jung und Alt, alle sangen lustig aus voller Brust mit.
Keine Rassenunterschiede, kein politischer Gegner. Alle netten Leute, mit Respekt vor einander und Respekt vor der Kultur, Herkunft und Bildung der anderen. Mit Aufmerksamkeit für die Unterschiede, mit harmlosen Neckereien und viel Humor. Es bewegte mich sehr, die kleinen Tränen kamen. Ganz kurz hatte ich das Gefühl, dass wir hier in unseren kleinen internationalen Gruppen in Berlin, alle zusammen zum Weltfrieden beitragen.
Das alles habe ich in meinem Berlin erfahren. Die guten Gefühle habe ich – und ich bin sicher, meine Mitschüler auch – mit nach Hause genommen.
Ich lass’ noch einen Koffer in Berlin, denn im Frühjahr fahr’ ich sicher wieder hin. Also wenn Sie dann einer weißhaarigen Frau in Ihrer Nachbarschaft singend auf dem Fahrrad begegnen, dann wissen Sie: Ich bin zurück. Nur kurz, aber doch.
Herzliche Grüße aus den Niederlanden. (Hier ist es z.Z. auch kalt, mein Daunenmantel passt auch hier gut).
Anne-Marie Vermaat
Pijnacker (NL), Februar 2010
